Viele Menschen mit einer übermäßigen Internetnutzung wissen, dass sie etwas dagegen tun können und sollten – unternehmen aber letztendlich nichts. Unter Ärzten heißt diese (Nicht-)Behandlung auch „aggressiv Zuwarten“. Ärzte empfehlen dies allerdings nur dann, wenn sie keine eindeutig hilfreiche Behandlung vorschlagen können. Für Internetsucht hingegen gibt es hilfreiche Behandlungen mit wenig zu erwartenden Nebenwirkungen.

Zu erledigende Aufgaben nicht zu erfüllen, da man in der Zeit unkontrolliert das Internet nutzt, hat Konsequenzen. Mit der Zeit wachsen diese an wie der Müll im Abfalleimer, der nicht mehr geleert wird. Bekommen Sie Mahnungen wegen offener Schulden, Briefe vom Finanzamt oder Aufforderungen von der Arbeitsagentur? Dann warten Sie nicht, sondern handeln Sie sofort oder suchen Sie sich Hilfe. Sie stellen Internetsuchtsymptome an sich fest? Dann suchen Sie sich Hilfe.

Studie: Verschwindet Internetsucht von allein?

Scheinbar im Widerspruch dazu ist eine aktuelle Studie von Joseph T. F. Lau und anderen Forschern aus Hongkong, veröffentlicht am 29. Mai 2017 in der Zeitschrift „Addictive Behaviors“. 1.296 Jugendliche wurden mit Hilfe eines seriösen Fragebogens als „internetsüchtig“ klassifiziert. Ein Jahr später wurden sie erneut untersucht. Das überraschende Ergebnis: Bei rund 46 Prozent war keine Internetsucht mehr feststellbar, obwohl zwischenzeitlich keine psychologische Behandlung stattgefunden hatte. Ein Einzelbefund?

Suchen Sie sich Unterstützung

Doch es gibt noch mehr derartige Studienbefunde, z. B. durch Fong-Ching Chang aus Taiwan („Addictive Behaviors“  2014, 605 Jugendliche, 36,7 Prozent nicht mehr internetsüchtig nach einem Jahr). Geht es also doch von selbst weg – durch aggressives Zuwarten? Die Jugendlichen in der Studie von Lau nahmen keine Therapie auf. Dennoch wiesen sie nicht nur weniger Internetsuchtsymptome auf, sondern zusätzlich auch weniger Anzeichen von Depression, Sozialer Ängstlichkeit und Einsamkeit. Gleichzeitig waren ihre Selbstwertschätzung und die familiäre Unterstützung angestiegen.

Mit reinem Abwarten ist Besserung unwahrscheinlich. Mit Behandlung und Unterstützung durch Familie und Freunde wird es besser.

Kay Uwe Petersen

Kay Uwe Petersen

Dr. Kay Uwe Petersen ist Diplom-Psychologe und Projektleiter an der Sektion Suchtforschung des Universitätsklinikums Tübingen. Internetsucht ist sein Spezialthema.